“Wie soll ich dich empfangen und wie begegn ich dir… ” – wie nur wenige gehört Paul Gerhards Lied zum Advent, mindestens zu einem evangelisch-lutherischen. Doch längst schon ist das Lied in allen Kirchen zu Hause, ja in aller Welt. “Wie soll ich dich empfangen…” Ohne jede Frage ist aber die Antwort, nach der gleich zu Beginn der ersten Zeile gesucht wird, schon längt gefunden. Wir müssen doch nicht mehr fragen “wie”, denn wir wissen alle schon längst, wie wir es machen müssen im Advent, was getan werden muß und worauf es ankommt. Die Ansbacher Innenstadt ist schon längst vorbereitet; und wie – von Jahr zu Jahr mehr: Buden, eine neben der andern, Lichterglanz überall und in großem Bogen prangt in leuchtenden Buchstaben “Weihnachtsmarkt” neben der Kirche. Aus unzähligen Lautsprechern rieselt Musik, Mandel- und Glühweinduft streift durch die Lüfte und schon ist der mächtige Christbaum am Martin Luther Platz voller Lichter, eine Riesenpyramide dazu. Die Geschäfte sind entsprechend dekoriert: sie können wirklich jeden empfangen und alle Wünsche zu erfüllen – man muß nur das volle Portemonai mitgebracht haben.
Und nicht nur draußen auf Straßen und Plätzen und drinnen in Geschäften: man weiß überall was zu tun ist. Auch drinnen in Kirchen und Häusern ist alles vorbereitet: Adventskranz und Weihnachtsstern. Tannengrün, die Zweiglein sind aufgesteckt, Kerzenduft überall. “Wie soll ich dich empfangen und wie begegn ich dir…” – das ist keine Frage mehr. Unsere Welt ist anders geworden in diesen Tagen. Und eigentlich auch die Menschen: mehr Zeit, mehr Erinnerung, mehr Sehnsucht und Hoffen. Mehr Erwartung, daß in der Dunkelheit ein Licht aufscheint. Ein Licht, das nicht erlischt. Ein Licht, das den rechten Weg weist nicht zum Markt, sondern zum Leben und zur Seligkeit.
“Wie soll ich dich empfangen…” da führt uns dieses Lied von uns weg; führt uns in die andere Zeit der eigenen Kindheit: in die 50iger Jahre und noch viel weiter in die Vorkriegszeiten. In andere Häuser und in andere Zimmer. In weniger üppige Räume und in größere Armut; ins einfachere Leben. War früher alles besser? Anders war’s schon. Und über unser eigenes Leben mit seinen Kindheitserinnerungen führt uns dieses Lied nochmals viel weiter hinaus in das kleine Landstädtchen Mittenwalde südlich von Berlin. Wenige Wochen vor dem Advent wird der 44jährige Geistliche Paul Gerhardt in sein neues Amt als Gemeindepfarrer eingeführt. Er, der eine sehr hohe Auffassung vom geistlichen Amt in der Kirche hatte, war wie üblich auf die lutherischen Bekenntnisschriften verpflichtet worden. Die Verhältnisse waren schwierig. Es war erst einige Jahre nach dem Ende des 30jährigen Krieges. Mittenwalde war stark kriegsbeschädigt. Weit mehr als Ansbach 1945/46: Häuser und Bauten, nahezu alles lag in Schutt und Asche, die Felder lagen brach, Hungersnöte und Seuchen brachen aus; die Menschen sind geistig verwildert, sittlich verroht und rechtlich verunsichert. Nach drei Jahren des Alleinseins im Pfarramt heiratet Gerhard die ihm längst bekannte und vertraute Anna Maria, in deren Berliner Elternhaus er vor vielen Jahren bereits als Hauslehrer tätig gewesen war. Gerhard ist 48, Anna Maria 32 Jahre, als sie den Bund der Ehe schließen. Ein spätes eheliches Glück – und das währt nur kurz. Maria Elisabeth, die erste Tochter stirbt nach 8 Monaten; drei weitere Kinder muß der Pfarrer in den folgenden Jahren zu Grabe tragen – welch eine enge Nachbarschaft von Wiege und Sarg. Nur ein einziges Kind überlebt: Paul Friedrich der Sohn. Gerhard selbst hatte schon als 12jähriger seinen Vater verloren und nur zwei Jahre später auch seine Mutter. Mit seinen beiden Schwestern und einem Bruder war er zum Vollwaisen geworden. Früh hatte er die Trennung vom Liebsten erfahren müssen. Zehn Jahre nach dem Tod der Mutter wurde der Bruder mit 31Jahren durch die Pest hinweggerafft. Wie das Land und seine Gemeinde, so sucht auch die Pfarrersfamilie nach Trost und nach Hoffnung:
“Wie soll ich dich empfangen und wie begegn ich dir, o aller Welt Verlangen….” Es nimmt nicht Wunder, daß Johann-Sebastian Bach die erste Liedstrophe in die erste Kantate des Weihnachtsoratoriums aufgenommen hat mit der für das Passionslied “O Haupt voll Blut und Wunden” verwendeten Haßler-Melodie. Ernst und still und zurückgezogen und von Herzen suchend, nach Trost und Hilfe verlangend. So singt und fragt Gerhardt und mit ihm das angefochtene und betrübte Menschenherz.
Und damit scheint aus ferner Vergangenheit nochmal eine andere Sehnsucht auf und eine tiefere Frage nach dem, wie der Mensch sich vorbereiten kann und was er tun kann, um den Herrn aller Herren recht zu empfangen: den Trost der Welt und das Heil. Kann man überhaupt was tun? Ist nicht all unser menschliches Tun umsonst und vergeblich? Singend und betend kommt die Eingangsfrage nach der angemessenen adventlichen Begegnung mit Christus zu der Einsicht, daß nichts am Ende bleibt als die Bitte: O Jesu Jesu setze mir selbst die Fackel bei, damit was dich ergötze mir kund und wissend sei. Gott kommt in seine Welt, nicht wenn wir es arrangieren, marktfähig und geschäftstüchtig, sondern wenn es an seiner Zeit ist. Er kommt und nimmt sie in ihren tausend Plagen und der auferlegten Last in den Arm, um sie zu umfassen, zu umarmen. Er selbst bewirkt, daß mir ein Licht aufgeht und ich erkenne. So wie die Jungfrauen in dem Gleichnis von den 10 Jungfrauen, die genügend Öl mitgebracht hatten, damit ihre Lampen leuchteten, bis er gekommen ist, der Bräutigam und das Hochhzeitsmahl mit ihnen feierte. Wer im Advent singt, der läßt sich Christi Umarmung gefallen.
Dieses Trostlied Paul Gerhardts zum Advent ist ein einziger Hymnus auf die Rechtfertigung allein durch den Glauben. Als Frage eines Christus liebenden Menschen beginnt es und findet die Antwort aus der Erinnerung an das Adventsevangelium: wie damals mit Palmzweigen, so zeigt der Glaubende jetzt mit Psalmen, daß sein Herz Jesus grün ist und für ihn leben will. Singen ist die Praxis des Glaubens. Mit Singen wird Christus gedient. Singend findet der Mensch neuen Mut. Neue Hoffnung. Neuen Glauben.
Und am Ende, ja am Ende zielt alles auf die Vollendung eines kommenden Tages, des jüngsten Tages: du kommst und machst mich los und hebst mich hoch zu Ehren und schenkst mir großes Gut, das sich nicht läßt verzehren, wie irdisch Reichtum tut.
So kommt Christus in seine Welt und in das Dunkel einer im Finstern tappenden Menschheit aus nichts denn aus Liebe. Er kommt mit Willen, ist voller Lieb und Lust, all Angst und Not zu stillen.
Darum singt eine christliche Gemeinde am Ende nur noch den Wunsch und die herzliche Bitte: ach komm, ach komm o Sonne und hol uns allzumal zum ewgen Licht und Wonne in deinen Freudensaal.
Ihr Pfarrer Friedrich Käpplinger