Andacht Jahresbeginn 2012

 

Ja, Liebe Gemeinde, was wird das für ein Jahr werden! 2012. Wieder ist Deutschland optimistisch und zuversichtlich wie selten. Trotz allem was gewesen war im alten. Das Land findet neue Freude an Kindern. An Familie. An Zukunft. Es ist schon erstaunlich, wie vier von fünf Deutschen voller Optimismus in das neue Jahr blicken. Bei jungen Leuten sind es sogar noch mehr. All die Ängste, die Sorgen um die Krisen des vergangenen Jahres, das so nervös und aufgeregt war, es ist alles wie in Nichts aufgelöst. Katastrophen und Nöte, Fukushima und Afrika, Lybien und Ägypten, Afghanistan und Syrien, Unheilsprophezeiungen und Warnungen, ach, das ist jetzt alles vorbei. Die berüchtigte “German Angst” ist weniger bei Deutschen zu spüren, sondern mehr bei anderen Europäern. Jetzt beginnt Neues. Will man den Umfragen glauben, so ist das jetzt ein ganz anderer Optimismus als noch in früheren Jahren, in denen die Zukunft eher düster erwartet worden ist. Jetzt aber würden wir Deutsche wieder viel mehr Wert legen auf das, was im Leben wirklich wichtig ist und was das Leben nachhaltig und schöner macht. Erstaunlich. Da kann man sich doch nur freuen. Und anstecken lassen.

Denn das ist doch auch die Religion! Der Glaube. Das ist der Platz der Kirche. Gumbertus mitten im Herzen der Stadt. Die Taufen. Die Hochzeiten, die sich hier so einmalig feiern lassen, wie sonst wohl nirgends. Die herrlichen Gottesdienste hier. Was ist schon ein Jahr mit seinen 52 Wochen, wenn nicht jede mit dem Gottesdienst beginnt! Mit der Musik. Mit den Liedern, die wir hören und noch besser gemeinsam singen. Dass wir uns hier treffen und miteinander auf das Wort der Schrift hören, gemeinsam beten und noch viel intensiver, dass wir hier am Tisch des Herrn uns geben und schenken lassen, was nur Gott allein schenken kann: Vergebung, Leben und Seligkeit. Stärkung des Glaubens, der Liebe und der Hoffnung. Damit bekommt doch alles seinen Wert und Sinn. Damit wird dieses neue Jahr zu einem Jahr des Herrn: Anno Domini 2012.

Kann also die Zuversicht die uns hierzulande wieder “zukunftshungrig” macht, wie ich lese, nicht auch eine Sache der Kirche sein! Doch. Wir dürfen uns anstecken lassen. Zwar nicht von Prognosen, die sich so schnell als falsch herausstellen können, sondern vom Evangelium, das hält, was es verspricht: vom hellen Schein des Kindes in der Krippe, von seiner Menschenfreund- lichkeit und von dem Gott, der seine Sonne scheinen läßt über Guten und Bösen. Wir müssen doch nicht in frommer Skepsis übervorsichtig sein und hinter der unbekümmerten Zukunftshoffnung nur einen Rausch vermuten, dem dann eine böse Katerstimmung folgt. Wir haben doch einen Gott, der der Herr aller Zeit und Ewigkeit ist. Er ist auch der Herr dieses Jahres, des Winters, des kommenden Frühlings mit seinem Blühen und Grünen, des Sommers und des Herbstes. Es ist der Herr aller Jahreszeiten. Es ist der Herr jeder Woche, jeden Tages und jeder Stunde. Ob wir wachen oder schlafen. Ob uns zum Lachen zu Mute ist oder eher zum Weinen. Und damit wir’s auch glauben, ist über dieses Jahr 2012 eine Losung gesetzt, die uns hilft, dieses Jahr mit Glauben, Hoffnung und Liebe zu bestehen. Nicht mutlos zu werden, auch wenn unerwartete Dinge geschehen. Nicht den Glauben zu verlieren, selbst wenn Zweifel nagen. Und nicht die Liebe aufzugeben, ohne die doch all unser Reden wie Geschwätz ist, tönern wie eine Schelle, leer und hohl.

“Jesus Christus spricht: Meine Kraft ist in den Schwachen mächtig…” diese Jahreslosung wird uns stark machen. Widerstandsfähig und beharrlich und vor allem gelassen.

“Jesus Christus spricht: Meine Kraft ist in den Schwachen mächtig…”  Das ist eine freundliche Empfehlung, nicht resigniert aufzugeben, sondern bösen, dunklen und skeptischen Geistern in und um uns standhaft zu begegnen mit dem Guten, das aus Nazareth gekommen ist. Vom Optimismus angesteckt werden wir nüchtern sein, um nicht gleich wieder ins Gegenteil zu verfallen, wenn Böses und Boshaftigkeit fröhliche Urständ feiern. Und wenn die Knie weich werden, werden wir nicht gleich umfallen. Wir werden nicht in falschem Heroismus Schwachstellen vertuschen und groß angeben, so, als würde es uns doch blendend gehen, selbst wenn wir schwächeln. Sondern wir werden uns der Schwäche nicht schämen. Paulus, der Schreiber diese Christusworte aufgeschrieben hat, weiß ja aus eigener Erfahrungt: “Ich weiß, daß in mir, das ist in meinem Fleische, wohnt nichts Gutes” Wie gerne würde er kraftvoll auftreten, stark und mächtig. Wie gerne würde er reden können wie gedruckt. Und dabei weiß er doch selbst, welch traurige Figur er abgibt. Da aber darf er das Christuswort hören: “Laß dir an meiner Gnade genügen, denn meine Kraft ist in den Schwachen mächtig…”

In der Schwäche des Apostels leuchtet eine Wahrheit auf, die für jeden wichtig ist: Gottes Gnade gilt nicht nur Menschen, die stark sind, sondern Menschen, die schwach sind. Nicht nur denen, denen alles gelingt, sondern den andern, in deren Leben so viel kaputtgegangen ist. Nicht nur denen, die kommen, sehen und siegen, sondern den vielen, die verkümmern, im Schatten stehen und dahinsiechen. Nicht nur den Großen, sondern den Kleinen.

Gottes Kraft ist in den Schwachen mächtig – das ist auch für die Gemeinde wichtig: eine christliche Gemeionde ist keine Gemeinschaft der Vollkommenen, sondern ein Drama mit gemischten Charakteren – mit Menschen, bei denen Licht und Schatten nah beieinander sind. Eine Kirche braucht Menschen, die aus eigener Erfahrung wissen, daß es tiefe Schatten im Leben gibt. Denn das ist eine der Grundwahrheiten des Christentums: man muß nicht in den Himmel steigen, um Gott nahe zu sein. Wir finden Gott unten – im realen Leben, in jedem Menschen. Seine Kraft ist in schwachen Menschen. Deshalb sollten wir auch keine Konkurrenz darüber anzetteln, wer auf der Himmelsleiter am höchsten gestiegen ist, um Gott nah zu sein. Aber auch keine Konkurrenz darüber, wer am tiefsten hinabgestiegen ist. Gott ist überall, in der Höhe und in der Tiefe, dort, wo wir Höhepunkte feiern und dort, wo wir in die Tiefe des Schmerzes und der Schuld hinabsteigen.

Gottes Kraft ist in den Schwachen mächtig – das ist wichtig für die ganze Welt. Gerade weil wir in einer Welt leben, in der es die Schwachen schwer haben. Die großen Tiere fressen die kleinen. Die Starken verdrängen die Schwachen vom Futtertrog. Es gilt die Regel: Bist du nicht fit, kriegst du ‘nen Tritt. Aber wir Menschen haben an Weihnachten einen Schritt in eine neue Welt getan; und jetzt in ein neues Jahr. Da gilt die Regel nicht mehr. Da wird den Schwachen geholfen. Da sind alle gleich, die Großen und die Kleinen. “Die Stärke des Volkes misst sich am Wohl der Schwachen” – dieser wunderbare Satz steht in der Verfassung der Schweizerischen Eidgenossen- schaft. Er könnte in allen Verfassungen stehen. Die Stärke Gottes zeigt ihre Macht in den Armen und Elenden, in den Schwachen und Niedrigen: im kleinen Buben David gegenüber dem Riesen Goliath, im Kind in der Krippe, dem schwachen Knäbelein, das doch unser Trost und Freud allein ist, Tod und Teufel besiegt und endlich Frieden bringt. Frieden höher als wir verstehen und begreifen können.

Ja, so wünsche ich dir, liebe Gumbertusgemeinde, ein letztes mal zu Neujahr das Gute unseres Gottes: seinen Segen. Schutz und Schirm für das neue Jahr. Es möge zum Jahr des Herrn werden in guten, wie in bösen Tagen, im Erfolg und auch dann, wenn Erfolg und Gelingen ausbleiben und Erwartungen sich nicht erfüllen. Zum Jahr des Herrn möge es werden, wenn sie gesund und voller Energie morgens aufstehen und an ihre Arbeit gehen können. Aber auch dann, wenn sie Abends die Arbeit aus der Hand legen und in Frieden Schlaf und Erholung finden – Gott in seiner Güte schenke ihnen Gutes, wenn sie krank danieder liegen müssen und Schmerzen und Sorgen sie bedrücken und sie nicht mehr so können, wie es einmal gewesen ist und wie sie es sich doch erhoffen und wünschen. “Ein Arzt ist uns gegeben, der selber ist das Leben.” “Gesundheit vor allem” – so höre ich die Neujahrswünsche. Gesundheit sei doch das Wichtigste. In der Tat: Gesundseinkönnen ist wertvoll. Ich wünsche Ihnen gute Gesundheit. Ich wünsche Ihnen und mir und uns allen, daß wir auch dann noch seine Gnade uns nahe wissen, wenn wir von Krankheit, Behinderung und Schmerzen heimgesucht werden und auf die Hilfe anderer angewiesen sind. Auch wenn wir nicht bleiben können auf dieser wunderbaren Erde, sein Wort bleibt doch ewig. “Laß dir an meiner Gnade genügen” spricht Christus… Seine Gnade ist genug, nein mehr als genug. Ich wünsche Ihnen ein Herz, das von seiner Gnade wissen kann – alle Wichtig- keiten und Gescheitheiten, Kraftmeiereien, alle Ansprüche und Forderungen, werden durch das Christuswort zurechtgerückt. Sie vergehen wie Machthaber, die stürzen und fallen. Meinungen und Anschauungen, Eingebildetheiten und die so sehr beliebten starken Behauptungen verlieren ihre Kraft. Angesichts seines Wortes werden sie bescheiden und klein. “laß dir genügen” spricht Christus! Warum wollen wir eigentlich immer noch mehr und mehr und können nie genug haben! Genügen! Sehen wir doch den Reichtum, den wir geschenkt bekommen. Seine Gnade, daß es eben nicht aus ist mit uns. Daß er uns gebrauchen kann, um heute und morgen sein Werk und seinen Willen auszuführen.

Möge es also zu einem Jahr des Herrn werden für unsere Stadt und für alle Städte und Dörfer, für unser Land und alle Länder dieser Erde, damit das Gute des Evangeliums alles Böse und alle Boshaftigkeiten überwindet, den Hunger dieser Welt mindert, Kriege beendet, Streit schlichtet und die bösen Geister in Schranken hält. Und mögen doch auch die Kirchen begreifen, daß ihre Aufgabe darin besteht, dem unvergänglichen Wort Christi zu glauben und ihm zu vertrauen, sein Wort im Herzen zu bewegen, den Lobpreis der Engel im irdischen Präludium wiederklingen zulassen mit Instrumenten und mit Harfen schön zu singen und zu sagen: Jesu geh voran auf der Lebensbahn auch dieses neuen Jahres 2012 und gib, daß wir nicht taub und lahm werden, sondern nicht verweilen um dir nachzufolgen. Führ uns an der Hand, bis ins Vaterland.

Ihr Pfarrer Friedrich Käpplinger